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ortskundschafter

ortskundschafter ist ein Foto-Projekt von Joachim Knobloch, Schülerinnen und Schülern des Konrad-Adenauer-Gymnasiums in Langenfeld, im Rahmen des Landesprogramms NRW | Kultur und Schule | 2009

Projektbeteiligte: Annika Domdei | Lars Milke | Julian Mönig | Patrik Walter

Das Projekt ortskundschafter unternimmt Expeditionen in die alltägliche Umwelt. Mit einfachen Digitalkameras zeigen die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 13 des Konrad-Adenauer Gymnasiums, ihre Perspektiven auf Langenfeld und die nähere Umgebung. Die Fotografien dokumentieren jedoch keine ethnografische Spurensuche nach den spezifischen Charakteristika der Heimatstadt. Die Bewohner und Benutzer der Orte fehlen, da sie gezielt aus dem Bildausschnitt ausgeschlossen wurden oder mit Hilfe fotografischer Techniken zum Verschwinden gebracht worden sind. Nicht einmal zurück gelassene Gebrauchsgegenstände deuten Geschichten an, die sich vielleicht an diesen Orten ereignen. Lediglich Graffiti sind als persönliche Spuren erkennbar. Die funktionalen Bauten, der Bahnhof, die Autobahn und die seriell gestalteten Gebäude könnten überall verortet sein. Sie repräsentieren daher weniger die typischen regionalen Eigenheiten, wie sie etwa ein touristisches Marketing auswählen würde, sondern werden durch den subjektiven Blick erkundet. Der Interessenschwerpunkt ist dabei meist auf die kompositorischen Eigenschaften der Motive, oftmals auf geometrische Muster, gerichtet. Bewusst wird Unschärfe eingesetzt, die suggeriert, dass die Aufnahme im beiläufigen Vorübergehen entstanden sei. Kombiniert mit der relativ geringen Auflösung der Fotografien entstehen malerische Strukturen, die den subjektiven Charakter der Aufnahme betonen. Durch die digitale Nachbearbeitung können die Farbigkeiten und die architektonischen Strukturen weiter überhöht werden.

Annika Domdei reduziert die fotografierten Räume auf ihre zweidimensionalen Eigenschaften von Linien und Farbe, wodurch sie wie Kulissen erscheinen. Das Haus mit den Solarzellen erhält seine formale Entsprechung im Klettergerüst des Kinderspielplatzes im Bildvordergrund. Der Weg verbindet die Bauten als diagonale Linie und auch die Umfriedung des Wohnhauses passt sich sich in das geordnete, geometrische Gefüge der Wohngegend ein. Nur der Himmel erhebt sich mit dichten Wolkenformationen über diesen aufgeräumten Ort und verleiht seinen Baumwipfeln und Gebäuden ein überirdisches Eigenlicht. Auch Annika Domdeis weitere Fotografien beschäftigen sich mit seriellen Folgen, die sich in industriell vorgefertigten Bauelementen finden lassen. Ebenso werden organische Strukturen Thema der Bildkompositionen, die eine Perspektive auf ornamenthaft wirkende Strukturen einnehmen.

Die Architekturfotografien Lars Milkes zeigen eine weitaus strengere perspektivische Anordnung. Entgegen dieser rationalen Klarheit machen sich die Architekturelemente von ihrer Umgebung selbstständig und lösen sich von ihrem statischen Standort, wodurch ihre scheinbare Logik außer Kraft gesetzt wird. Über lange Belichtungszeit, Bildüberlagerung und Montagetechnik werden die Erscheinungen von Beleuchtung und Farbe intensiviert. Die anonymen Bauten des Fertigbaus, der Autobahn und auch der Bahnhof erscheinen entrückt in eine virtuelle Realität, in der problemlos und beliebig die Gravitation außer Kraft gesetzt werden kann.

Julian Mönig durchwandert die Außenbezirke von Langenfeld. Auf der Wegstrecke liegen Bauernhöfe, Überlandleitungen. Der Schnee sorgt für einen Kontrast zwischen Landschaft und Bauten. Die Gebäude erscheinen verlassen und abstrahiert, da die verstärkten Licht- und Schattenkontraste die Details auslöschen. Die weißen und schwarzen Flächen erzeugen Leerstellen und verleihen den Landschaften eine beinahe grafische Oberfläche. Durch eine Erhöhung der Weißtöne wird die unterkühlte Atmosphäre der Aufnahmen betont und die bräunlich grünliche Farbigkeit ausgebleicht. Die Orte scheinen einer anderen Zeit zu entstammen und werden nun zu den Objekten einer archäologischen Untersuchung. Als schematische Formen sind sie den Betrachtern zwar bekannt, bleiben durch die geweißten und geschwärzten Leerstellen aber vielmehr vage Erinnerungen.

Dem Prinzip der Wiederholung hat sich Patrik Walter genähert. Die seriellen Reihen der Lochbleche und Abdeckungen finden sich sowohl in Wohnbereichen als auch im öffentlichen Raum. Die Lüftungs- und Entwässerungsgitter erstrecken sich über die Zentralachse des Bildes oder die Bilddiagonale. Dennoch verzerrt die Perspektive der Kamera die identischen Strukturen und deckt die Defekte in ihrer scheinbaren Einheitlichkeit auf. Ein genauer Blick in die Zwischenräume ist nicht möglich, doch insbesondere die lang belichteten Aufnahmen verunklären das Verhältnis von Vordergrund und jenem unbekannten Bereich dazwischen, in dem das Licht verschwindet.

Chrisina May


ortskundschafter ist ein Foto-Projekt von Joachim Knobloch, Schülerinnen und Schülern des Heinrich-Heine-Gymnasiums in Köln-Ostheim, im Rahmen des Landesprogramms NRW | Kultur und Schule | 2009

Projektbeteiligte: Benjamin | Enida | Johann | Lale | Michelle | Nicole | Niklas | Raphael | Stephanie

Für das Projekt ortskundschafter beobachten Schülerinnen und Schüler des Heinrich-Heine-Gymnasiums ihren Heimatort Köln-Ostheim. Auf Initiative des Künstlers Joachim Knobloch entstehen experimentelle Fotografien, die subjektive Landschaftsbilder aufdecken und fremdartigen Objekten nachspüren. Menschen werden bewusst aus den Bildern ausgeschlossen. Die konventionelle Aufgabe eines Kundschafters liegt darin, ein unbekanntes Terrain zu entdecken oder als Spitzel Personen nachzuspüren und investigativ Informationen einzuholen. In einer bereits vertrauten Umwelt werden die Beteiligten herausgefordert, neue Perspektiven auf das Alltägliche zu entwickeln und über den verfremdeten Blick eines fotografischen Beobachters andere Facetten des Heimatortes freizulegen. Technisches Aufzeichnungsmittel sind preisgünstige Digitalkameras, die über ihr kleines Display zwar sofort ein Ergebnis anzeigen, lediglich einen begrenzten Spielraum bieten, um Schärfe und Belichtung zu kontrollieren. Wegen ihrer Unschärfe vermitteln die Fotografien den Eindruck, dass die Motive nur für den kurzen Moment des Vorübergehens die Aufmerksamkeit auf sich ziehen können.

So fotografiert Lale aus dem Auto heraus, dessen Fensterrahmen gleichzeitig zum Rahmen des Bildmotivs wird. Im Rückspiegel oder auf der reflektierenden Motorhaube wird das Auto selbst zum Bildträger. Die Straßenzüge und Gebäude werden dadurch mehr als zweidimensionale Bühnenprospekte denn als dreidimensionale Körper wahrgenommen, wie zum Beispiel die Fassade eines Schützenheims, die über die Leitplanke beschnitten wird und sich formal dem Werbeplakat annähert. Auch als Fußgängerin behält Lale diesen distanzierten Blick bei, da die Bäume zu farbigen oder ornamentalen Kulissen flächig verschmelzen. Aus gegensätzlicher Perspektive begegnet Michelle der Landschaft, die sich voluminös und undurchdringlich vor dem Betrachter auftürmt. Jedoch wird auch hier der Beobachter von der Umwelt ausgeschlossen, denn die massigen, verschwommenen Anordnungen aus Pflanzen oder Gebäuden scheinen den Blick und damit den weiteren Weg zu versperren. Die Schärfe ist auf den unteren Bildrand, unmittelbar vor dem angenommen Standpunkt des Betrachters gerichtet, so dass sich die restliche Umgebung einer detaillierten Erkundung entzieht. Diese Deformation der Umwelt durch eine Verlagerung der Aufmerksamkeit sowie ihre zeitliche Gebundenheit werden ebenso in den Arbeiten von Johann und Benjamin thematisiert, die sich verstärkt der Bewegungsunschärfe und der Verortung des Fotografen widmen, der schließlich selbst als Schatten im Bild präsent wird.

Auf die Suche nach unentdeckten Orten begeben sich Enida, Niklas und Raphael. Die Objekte auf Enidas Fotografien scheinen ein Eigenleben zu entwickeln. Wertloser Müll hat sich im Schließfach angesiedelt und ein Kellerraum des Schulgebäudes wird von einer Gruppe Putzgeräten besetzt. Ihre Griffe erscheinen vermenschlicht als wachsame Köpfe, die sich abwehrend gegen die eindringende Fotografin aufrichten. Die verselbständigten Gegenstände werden hier zu Bewohnern der Orte, die mittlerweile nicht mehr den Menschen, sondern den Dingen gehören. Auch in den Bildkomposition von Raphael dominieren die Dinge, die aus der Froschperspektive zu monumenthaften Skulpturen aufgetürmt und aufgewertet werden. Auf Niklas Bildern formiert sich aus Abfallmaterial eine eigentümlich rudimentäre Architektur.

Zahlreiche Aufnahmen erscheinen zufällig entstanden zu sein. Die Wohnhäuser, Straßen und Wegbepflanzung verwischen zu malerischen Strukturen, erscheinen abstrahiert und spiegeln die Wahrnehmung eines sich bewegenden Betrachters wider. Die Bilder dieser Erkundungen offenbaren dabei oft mehr über den Standpunkt und die subjektive Wahrnehmung der Fotografen als über die fotografierten Objekte selbst.

Chrisina May


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